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Halt geben, wenn er fehlt: Ehrenamt „Seelsorge“

Voll belegt sitzen 1.169 Inhaftierte hinter der 1,3 Kilometer langen Mauer der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf ein, 814 Männer und 318 Frauen unterschiedlichen Alters und Nationalitäten. Für rund 3 bis 4 Stunden pro Woche lässt sich Edith Simons (70) an der Pforte abholen, unterzieht sich einer Leibesvisitation und wird in einen kleinen Raum im zweiten Stock geführt. Getränke und Essen sind dort nicht erlaubt – aber Privatsphäre gibt es.
Magdalena Otto aus Erfstadt-Lechenich ist 67 Jahre alt und Stammgast im Altenheim ihrer Gemeinde. Momentan besucht sie vier der Menschen dort regelmäßig.
Edith Simons und Magdalena Otto sind zwei der ehrenamtlichen Seelsorgenden des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region. Sie haben an einer Fort- und Ausbildungsreihe in Kooperation mit der Kölner Melanchthon-Akademie teilgenommen und sich befähigen lassen, andere Menschen professionell seelsorglich zu begleiten. Obwohl sie keine Geistlichen sind.

Frau Otto, vor mehr als zehn Jahren haben Sie begonnen, Besuchsdienste für die Gemeinde zu machen, lange vor Ihrer Ausbildung zur Seelsorgerin. Das Talent, einfühlsam mit Menschen umzugehen, besaßen Sie als Lehrerin sicher auch schon. Hat sich überhaupt etwas für Sie verändert?

Das hat es. Ich tue, was ich sowieso tue, aber deutlich reflektierter und qualifizierter. Niemand kann leugnen das eigene Leben und die eigene Persönlichkeit in diese Aufgabe mitzubringen. Andere Menschen in ihren Emotionen anders wahr-und ernst zu nehmen verändert aber die Lebenshaltung. Aus den zwei Ausbildungsjahren geht man nicht heraus wie man hineingegangen ist. Ich zum Beispiel habe lernen müssen, personenorientiert statt lösungsorientiert an Begegnungen heranzugehen. Problematische Situationen wollte ich früher vor allem anpacken und verändern. Bei Besuchen im Heim habe ich versucht, durch eigene Erzählungen aufzumuntern oder auf andere Gedanken zu bringen. Heute nutze ich erlernte Gesprächstechniken, um ihn oder sie selbst ins Reden zu bringen. Von der eigenen Geschichte erzählen zu lassen, schöne Erinnerungen zu wecken. Das gibt ein bisschen Mut und Glücksmomente.

Wieso haben Sie sich entschlossen, Nächstenliebe „professionell“ zu leben?

Mit meinen Besuchen habe ich ursprünglich begonnen, als immer mehr ältere Nachbarinnen „plötzlich“ verschwanden – denen es wie den meisten aber überhaupt nicht leichtfiel, ins Altenheim zu ziehen. Mit ihnen dort Zeit zu verbringen statt einmal im Jahr zum Geburtstag vorbeizuschauen, war etwas ganz anderes. Ich merkte, wie wichtig es für sie ist, den Kontakt zu ihrem alten, normalen Leben nicht zu verlieren. Als ich dann von dem Ehrenamtsprojekt „Lebenswege begleiten“ las, war das einfach richtig für mich.

Die Verbindung in die Gemeinde, besonders die Geistlichen, spielen da auch eine große Rolle. Wir selbst können uns Unterstützung holen, wenn uns etwas umtreibt, wir bekommen Supervision und werden tatsächlich „befähigt“. Wirklich oft höre ich auf die Frage „Möchten Sie, dass wir zusammen beten?“ – „Ja, gerne!“ Es ist aber sicher nicht jeder dafür geeignet – die vorgesehene Vorauswahl ist schon sinnvoll. Und auch nach dem Basiskurs scheiden noch einige aus, die das alles nicht vertiefen möchten oder können.

Gefängnisseelsorge ist ein sehr spezieller Bereich, Frau Simons. Was hat Sie bewegt, sich gerade dafür zu entscheiden?

Ich hatte selbst ein erlebnisreiches Leben, habe Täler und Höhen durchlaufen. Solche Knicke im Leben sind wichtig! Meine Geschichte ist zwar eine ganz andere, aber gegenüber Menschen, die „außer der Reihe laufen“ habe ich keine Berührungsängste. Das Thema „Knast“ ist ebenso wie Sterben mehr oder weniger ausgelagert aus unserer Gesellschaft – was es für die Menschen hinter Gittern noch schwieriger macht, sich in sie einzupassen. Besuch von „draußen“ ist ganz wichtig für die Menschen „drinnen“. Ein Gefängnis ist alles andere als ein Sanatorium. Ich war Buchhalterin, habe später fünf Jahre lang eine Seniorengruppe geleitet… aber als ich mich gefragt habe „Was IST denn Gutes, das ich tun könnte?“, habe ich hier das Passende für mich gefunden. Gefängnisseelsorge hat mich herausgefordert. Diese Arbeit ist nicht für jeden gemacht und nicht jeder für diese Arbeit. Aber ich bin hier an der richtigen Stelle.

Im Kölner „Klingelpütz“ sind mehr als 30 verschiedene Nationalitäten unter einem Dach, von Konfessionen oder Menschen ohne religiösen Bezug ganz abgesehen. Auch wenn Sie nicht Pfarrerin sind, kommen Sie aber ausdrücklich als ehrenamtliche Seelsorgerin der Evangelischen Kirche…

Ja, und ich unterliege ebenso der Schweigepflicht wie sie. Der Wunsch nach einem vertraulichen Gespräch ist unabhängig von den persönlichen Wurzeln groß. Ein Antrag auf Seelsorge wird jedenfalls von den Gefangenen selbst gestellt, wir schauen dann, ob die Chemie zwischen uns stimmt. Ich bin auch in einem Alter, wo viele so etwas wie eine Großmutter oder Mutter in mir sehen. Alles, was gesagt wird, darf in diesen vier Wänden bleiben, ich bin danach nicht auskunftspflichtig. Dabei sind es meist gar nicht die großen Dinge, die auf der Seele brennen. Im Einzelgespräch sind die Menschen anders als im Gefängnisalltag. Es geht darum, auch mal zusammenfallen zu dürfen und gehalten zu werden. Ich habe wenig Berührungsängste. Vor kurzem saß während des Gottesdienstes eine Frau in der Kirche, die ganz fürchterlich schluchzte. Sie hat meine Sprache gar nicht gesprochen, aber manchmal kann man einfach besser weinen, wenn einem jemand die Hand hält.

Was nehmen Sie Positives für sich aus Ihrem Seelsorge-Ehrenamt mit? Gibt es auch etwas, womit Sie schwer umgehen können, Frau Otto?

Ich erfahre viel Vertrauen. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich gehe aus keinem Zimmer raus und hinterlasse jemanden totunglücklich. Ein nur punktueller Kontakt wäre schwierig für mich, deshalb habe ich mich auch gegen Telefonseelsorge entschieden. Ich baue bei meiner Arbeit Bindungen auf, rechne aber natürlich mit dem Sterben. Auszuhalten, wenn mir mal jemand menschlich und charakterlich ganz fremd ist: Das fällt mir manchmal schwer.

Geht Ihnen das ähnlich, Frau Simons?

Im Gefängnis ist alles auf das Wesentliche reduziert. Es gibt keine freundliche Tischdecke oder eine Tasse Kaffee, um eine positive Atmosphäre zu schaffen. Ich bringe nur mich zu den Gesprächen mit – das alles verändert sicher auch das eigene Empfinden. Es war schon wichtig, dass ich durch die Ausbildung und Supervision gelernt habe, meine eigenen Grenzen zu wahren und auch mal „Nein!“ zu sagen. Ich habe gelernt, aufmerksam zu sein und Dinge dort zu lassen, sie nicht mit heim zu nehmen. Und manchmal ertränke ich das Gehörte danach auch in Kaffee und Kuchen, ja. Das ist aber alles nicht negativ gemeint, falls das so klingen sollte. Ich erlebe auch ganz schöne und rührende Dinge und bekomme viel Wertschätzung entgegengebracht. An Matthäus 25, Vers 36 denke ich oft: „Ich war im Gefängnis und ihr kamt zu mir.“ Diese Menschen in der JVA haben in meinen Augen kaum eine Chance auf echte Rehabilitation. Sie sind „außen vor“. Für sie da zu sein, solange sie dort in Haft sind, halte ich für ganz wichtig. Danach ist das nicht mehr meine Aufgabe. Und jeder sollte seine Gaben nutzen!

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Informationen zu „Lebenswege begleiten – Ausbildung in Seelsorge für Ehrenamtliche“:


Text: Claudia Keller
Foto(s): Claudia Keller

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